Warum wir alle schlank sein wollen

Oder: 5 Tipps für dich, wie du das Schlankheitsideal „entlernst“

Dieser Artikel war lange überfällig, sehr lange.

Als ich im Spätherbst 2019 die Texte für meine Website schrieb, stellte ich mir für die ‚Über mich‘-Sektion unter anderem die Frage: „Wer ist mein größter Gegner?“. Kein Überlegen notwendig – die Antwort kam förmlich aus mir herausgeschossen.

Das Schlankheitsideal der westlichen Welt

Inzwischen mein liebstes Hass-Objekt, denn ich habe realisiert, was mir dieses Ideal-Denken schon für Lebensfreude genommen hat. Ok, da gehören immer zwei dazu: einer der macht und der andere, der es zulässt. Und damit du dich nicht länger als bisher schon damit herumschlägst, packe ich dir hier einmal die Fakten zusammen.

Wie willst du zukünftig darüber denken? Du entscheidest.

Das Schlankheitsideal ist etwas, das gehört schon seit Jahren abgeschafft und ins Museum. Ich habe überlegt, in welches Museum am besten. Vielleicht in eins der vielen Naturkunde-Museen? Oder vielleicht eins, dass sich mit antiker Geschichte beschäftigt?

Ich würde es ins Pergamon-Museum packen. Erstens, weil es dann zeitgeschichtlich grob richtig eingeordnet ist und zweitens, weil das Dingens auch neben verschiedene Gottheiten passt, so wie wir Menschen die Knie vor ihm beugen.

Denn es ist keine Erfindung der Neuzeit oder der modernen Medien.

Zwar sieht es so aus, als wäre gemäßigte Nahrungsaufnahme statt Essen-reinhauen-als-gäbe-es-kein-Morgen gerade in den letzten Jahrzehnten zum Ideal geworden. Und mit ihm die Menschen mit schlanker Statur, welche eben angeblich das eindeutige Zeichen für gemäßigtes Essen ist. Und als ob dicke Menschen erst seit den 1980er Jahren als triebgesteuerte, disziplinlose Menschen gelten, die man verurteilen kann und sollte.

Sieht neu aus, ist aber uralt.

Das Ganze stammt bereits aus der Antike. Denn die Kontrolle unserer menschlichen Triebe hat letztendlich unsere Zivilisation hervorgebracht. Also nix mehr mit faul rumliegen, bei akutem Hunger dem nächsten Mammut, Hirsch, Bären oder sonst einem Tier nachjagen, dann alles auf einmal reinhauen und wieder relaxen.

Der Alltag der Barbaren zur Zeit der griechisch-römischen Antike war geprägt von Trieben, also Lebenserhaltung und ‚Spaß‘ (um mal einen annähernd ähnlichen modernen Begriff zu nutzen), es wurde gegessen und Essen verdaut, geschlafen, sich fortgepflanzt, ausgeruht und so weiter. Alles meist spontan und je nach Bedürfnislage. Vielleicht wurde dem benachbarten Volk mal Wild abgejagt oder auch eine Siedlung, aber so wirklich zielgerichtet und nachhaltig waren all diese Aktivitäten nicht, wenn man heutige Maßstäbe ansetzt.

Im Gegensatz dazu hatten zuerst die Griechen herausgefunden, dass eine gewisse Triebkontrolle und Umwandlung dieser Energie hilfreich sind, um höhergesteckte Ziele zu erreichen. Und so disziplinierten die Menschen sich, verzichteten auf Ausschlafen, Rumhängen und Fressgelage und verabredeten sich lieber zu Dingen wie Ackerbau und Vorratshaltung, später gesellten sich weitere Ingenieursleistungen und wissenschaftliche Errungenschaften dazu.

So hat die Menschheit irgendwann Buchdruck, Dampfmaschine, Penicillin, Raketentreibstoff und Eierkocher erfunden, was sie niemals geschafft hätte, wenn alle nur ihren ursprünglichen Trieben (Essen, Schlafen, Körperausscheidungen und so weiter) nachgegangen wären.

Und genau deswegen ist unser aller Hirnen festgeschrieben: Disziplin ist gut.

Es ist nicht einfach diesen Gedanken loszulassen, denn die Mehrheit der Menschen ist davon zutiefst überzeugt, dass nur schlanke Menschen „dazugehören“, dass nur die Dünnen leistungsfähig sind und dass Dicke richtig viel falsch machen in ihrem Leben. Das ist seit Jahrtausenden in unseren westlichen Hirnen und unserer westlich verwurzelten Erziehung festgezurrt, so festgeknotet, dass es uns schwerfällt, etwas anderes zu denken – über uns selbst und über andere Dicke.

Lediglich in Hungers- und Kriegszeiten wurde dieses Denken abgelöst von der unbedingten Lebenserhaltung. Denn der Wille zum (Über)Leben suggeriert, dass nur ein dicker Körper ein guter Körper ist, denn nur der hat genügend Reserven, um zu überleben. Das erklärt auch die abweichenden Schönheitsideale anderer Kulturen, die teilweise mit deutlich mehr Gewicht verbunden sind. Wo durch geographische Faktoren (Häufung von Naturkatastrophen, Wasserknappheit) oder menschliche Übergriffe (Kolonialismus/Ausbeutung, wirtschaftliche Abhängigkeit, Armut) keine gesicherte Lebensmittelversorgung entstehen konnte und kann, dort werden oft dicke und sehr dicke Körper verehrt – sie sind ein Zeichen für genug und gutes Essen, also Reichtum. Das ist lediglich eine andere Denkweise und Prägung und definitiv kein Grund für uns Westler, darauf herabzusehen, zumal wir indirekt von dieser Situation profitieren. Das führt zwar weg vom ursprünglichen Thema, wichtig zu wissen ist es dennoch.

Aber was jetzt tun, wenn mein Kopf mir sagt, dass ich als Dicke nicht gut bin?

Es ist vielleicht tröstlich zu wissen, dass dieses Ideal, dem wir alle nachjagen, aus unserer Geschichte und unserer Erziehung kommt. Dennoch ist es sehr real, dass wir so denken und fühlen und dass wir auch manchmal bei einem sehr dicken Menschen den Blick abwenden oder Vorurteile zu seinem Leben, seinem Essen, seinem Bewegungspensum in uns hochsteigen. (Das ist übrigens ganz normal, denn eine Programmierung, die dein ganzes Leben lang immer und immer wieder in deinen Kopf gehämmert wurde, kann immer mal wieder durchkommen.) Und das, wo wir uns doch generell einig sind, dass uns dieses Ideal nicht wirklich geholfen hat. Dieses Vorbild mit seinem „Du-kannst-es-schaffen-wenn-du-dich-nur-richtig-anstrengst” (wahlweise “wenn-du-es-wirklich-willst”)-Mantra stellt uns Dicke und so viele Menschen in die Ecke und vernachlässigt unsere wirklichen Bedürfnisse, Sorgen und Nöte völlig.

Warum können wir dann so schlecht loslassen und machen eine Diät nach der anderen?

Dazu stelle ich eine Frage, nämlich wozu (ver)hilft uns das Schlankheitsideal? Was versprechen wir uns davon, wenn wir uns immer wieder auf Diät setzen?  Ist es vielleicht so, dass wir glauben, dass nur schlanke Menschen akzeptabel sind? Dass nur dünne Menschen dazugehören? Dass nur nicht sichtbar dicke Menschen es verdient haben, geliebt zu werden und sich selbst lieben dürfen? Macht uns die Suche nach Anerkennung und Zugehörigkeit so dermaßen irre, dass wir glauben, dass wir uns erst lieben dürfen und wirklich wohlfühlen können, wenn wir schlank (oder wenigstens dünner) sind?

Ich persönlich habe mir die Fragen gestellt und beantwortet. Was sind deine Antworten?

Für mich traf vieles davon zu. Das habe ich mir bewusst gemacht und mich von diesen Gedanken verabschiedet. Denn: es sind nur Gedanken – etwas, dass du momentan für wahr hältst. Und dich deswegen zurückhältst, in vielen (oder sogar allen?) Lebensbereichen. Und deswegen (weit) unter deinen Möglichkeiten bleibst.

Wo es doch ein Leben außerhalb der Begrenzung durch das Schlankheitsideal gibt! Ein schönes, ein buntes, ein emotionales und aufregendes Leben. Willst du das wirklich verpassen, während du auf den ultimativen Diät-Durchbruch wartest? (Seit wie vielen Diäten und Jahren eigentlich schon?)

Das kannst du konkret tun, um das Schlankheitsideal zu „entlernen“:

1) Werde dir wirklich bewusst darüber, dass unsere westliche Filterblasen aktuell eine Einheits-Körperform vorgeben.

Selbst die Curvy-Models haben in den meisten Fällen eine gesellschaftskompatible Sanduhr-Figur und nein, das ist noch keine wirkliche Diversität. Jeder Körper ist gut!

2) Ruf dir die Geschichte des Schlankheitsideals immer wieder ins Gedächtnis.

Es hilft eben auch zu wissen, woher wir alle auf dieses Schlankheits-Ding gepolt sind, wenn wir mal wieder zweifeln, was schön ist. Denn abgesehen von Episoden, wo Übergewicht nach Kriegs- oder anderen Hungerszeiten als Zeichen von Genesung und Wohlstand galt, ist das Schlankheitsideal seit zig Jahrhunderten, ja Jahrtausenden tief in der Identität von uns westlichen Menschen verwurzelt.

3) Mach dir neue Sehgewohnheiten zu eigen.

Jeder Text, jedes Foto zu nicht schlankheits-idealen Körpern ist eine Kampfansage an die medial geprägten “Schlank & fit”-Normen, also umgib dich mit Menschen und Bildern, die Körper zeigen, wie sie wirklich sind. Entfolge Social Media-Accounts, die dich mit bestimmten Körperbildern unter Druck setzen. Abonniere Accounts, die diverse, besonders dicke Körper zeigen – kaufe Zeitschriften, in denen auch Frauen (weit) jenseits der Größe 38/40 erscheinen.

4) Verabschiede dich vom Zwang, etwas Bestimmtes sein zu müssen.

Du darfst dich akzeptieren, du darfst dich lieben, du darfst dich genauso auch neutral begutachten. Ja, du darfst sogar sagen, dass du Teile deines Körpers nicht schön findest und gerade glaubst, dass du sie nie schön finden kannst. Erlaube dir zu tun, was dir guttut. Wichtig ist dabei, dass du dich nicht unter Zwängen verändern willst – weil du zum Beispiel glaubst, dass dein Körper nicht akzeptabel sei. Es ist mir egal, ob du es Body Positivity nennst oder nicht. Ich weiß, nachhaltige Veränderung geschieht aus der Akzeptanz heraus, im Einklang mit dir selbst. Nicht aus Zwängen.

5) Mach dich auf die Reise zu dir selbst. Positiv empfundene, langfristige Veränderungen geschehen dann, wenn wir ganz bei uns sind. Wenn wir all unsere Bedürfnisse berücksichtigen und abwägen, wenn wir Gefühle nicht mehr unter den Teppich kehren und ins Abseits drängen.

Ich will nichts beschönigen, es ist kein Wochend-Trip, sondern eher eine Langzeit-Reise. Aber auch sie beginnt mit nur einem einzigen, kleinen Schritt: der Entscheidung für dich im Stillen, dass du ab sofort einen anderen Weg einschlägst als das ewige Diäten, nämlich den Weg zur wirklichen Liebe für deinen Körper.

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